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Ein Artikel über Berlin – erschienen in der Jahresschrift für ehemalige Schüler des Humboldtgymnasiums Solingen, Ausgabe 2005. Die Faszination der HauptstadtBekenntnisse eines Zugezogenen„Berlin, Berlin - wir fahren nach Berlin!“ In schöner Regelmäßigkeit schallt dieser Schlachtruf durch deutsche Fußballstadien. Allerdings kaprizieren sich diese lautstarken Berlin-Fans in ihrer Leidenschaft auf jene 90 (plus x) Minuten, die sie im Olympiastadion verbringen werden,wenn alljährlich das Finale des DFB-Pokals ausgetragen wird. Zugegeben ... auch etliche Kneipen, Bars und Restaurants der Hauptstadt profitieren davon, dass entweder der Siegestaumel begossen oder der Frust ertränkt wird. Ähnliche Rufe wie der genannte hallten aber auch jahrelang – zu den so genannten „Mauerzeiten“ – durch die Flure bundesdeutscher Schulen – so auch durch die des Humboldtgymnasiums, denn keine Klassenfahrt konnte günstiger durchgeführt werden, sieht man mal vom Aufenthalt in der Gräfrather Jugendherberge ab). Sobald zwei ohnehin obligatorische Programmpunkte – Stadtrundfahrt durch den Westteil und ein Tagesaufenthalt in Ost-Berlin – in die Reiseplanung integriert wurden, flossen Subventionen aus staatlichen Stellen. Egal, aus welchem Grund Menschen nach Berlin kommen – ich habe noch keinen kennengelernt, der nach seinem ersten Besuch strikt abgelehnt hätte, jemals wieder in die Hauptstadt zu fahren. Ich selbst bin bereits seit Mitte der 70er Jahre ein Fan (mit Familie oder Freunden in Berlin), 1992 hingezogen und nach wie vor immer noch begeistert. Wer zum ersten Mal nach Berlin kommt, mag leicht einer Krise anheim fallen. Faszinierend wirken auf den Betrachter zum Beispiel die breiten Straßen, die Sehenswürdigkeiten, die Bausubstanz, das kulturelle und gastronomische Angebot – skeptisch schaut er unter anderem auf die Größe, die Einwohnerzahl, den Hundekot oder die Weite der zurückzulegenden Wege.Wer als Tourist nach Berlin kommt, macht schnell die Nacht zum Tage und den Tag zur Nacht. Der Grund ist einfach: Man befürchtet, irgend etwas aus dem reichhaltigen Füllhorn der Stadt zu verpassen – man weiß ja nicht,wann sich wieder die Chance eines solchen Angebotes bietet. Am Ende seines Aufenthaltes ist der Besucher geschafft und erschöpft – aber voller Eindrücke, die es erstmal zu verarbeiten gilt. Und das braucht erfahrungsgemäß ein gerüttelt’ Maß an Zeit... Berlin ist keine wirklich „freundliche“ Stadt – das wird dem Erstbesucher ziemlich schnell deutlich gemacht. Ein Berliner Klassiker beschreibt die „Berliner Melodie“ an Hand des Unterschiedes zwischen (ehemaligen) Ost- und West-Kellnern: Der Standardsatz im Osten war „Ham wa nich!“, während der West-Kollege durch ein „Stör’n Se nich!“ auffiel. Auch heute noch gibt es Ruppig- und Unfreundlichkeiten, die vom Berliner kultiviert und vom Besucher goutiert in der Rubrik „Herz mit Schnauze“ (oder „Schnauze mit Herz“?) abgelegt werden. Berlin ist auch keine Stadt, die ihre Besucher mit offenen Armen empfängt. Berlin muss sich der Besucher (wie auch der Neu-Hauptstädter) erarbeiten, und das ist auch gut so. Nur auf diese Weise kann man für sich das entdecken, was gefällt, wichtig ist und die Stadt liebens- und lebenswert macht; nur auf diese Weise schafft sich jeder sein eigenes Berlin-Bild. Auf eines muss sich der Besucher allerdings einstellen: Er oder sie werden nur einen kleinen Ausschnitt der Faszination erleben können. Ich bin nunmehr selbst seit mehr als 13 Jahren Berliner (das gleichnamige Backwerk heißt hier übrigens „Pfannkuchen“) und erlebe immer noch Neues... Berlin-Führer jeglicher Art sind eigentlich schon „out“, wenn sie auf den Markt kommen, denn die Stadt verändert sich rasend schnell. Dies ganz besonders im gastronomischen wie im Entertainment-Bereich. Das legendäre Nachtleben (keine Sperrstunde!) gibt es nach wie vor – und wer vorher ein wenig recherchiert (z.B. www.berlinOnline.de oder www.berlin.de), ist klar im Vorteil. Der Berliner wird gerne für arrogant oder großspurig gehalten, wenn er über „seine“ Stadt spricht („Ham wa ooch – aba größer“). Aber es ist schon wahr: Es gibt alles, und von allem auch immer noch ein bisschen mehr. Trotzdem – oder gerade deswegen – ist der Einheimische nicht die beste Informationsquelle. Ich nehme mich da selbst nicht aus. Denn man verkehrt in seinem „Kiez“, in den Kneipen, Bars, Restaurants etc, die man irgendwann entdeckt und für ‚gut’ befunden hat – das muss reichen. Um Neues zu entdecken, braucht der Berliner Besuch. Eine Ausnahme gibt es allerdings. Wenn es Freibier gibt, dann ist er sofort da. Kneipeneröffnungen sind legendär: Brechend volle Lokalitäten, lauter fröhliche Menschen – eine interessante Klientel. Spätestens am dritten Tag ist allerdings der Alltag eingekehrt, und es sitzen nur noch drei traurige Gestalten am Tresen. Allerdings geht es auch anders: Als die „Arkaden am Potsdamer Platz“ eröffnet wurden, hatten die Betreiber für zwei Tage mit ca. 250.000 Besuchern gerechnet. Es kamen – 2 Millionen. Das Gerangel um die Stühle in den Cafés kann man sich ausmalen. Aber diese Einkaufspassage mit ihren Cafés ist auch heute noch – und nicht nur wegen der Touristen – gut besucht. Übrigens blieb an dem Eröffnungs-Wochenende die Tiefgarage, die zum Komplex gehört, fast leer. U-Bahn und Busse waren dagegen überfüllt wie seit den Hamsterfahrten in der Nachkriegszeit nicht mehr... Am besten ist natürlich der dran, der jemanden in der Stadt kennt. Und das gilt – mal ganz unberlinerisch – für alle Städte, die man erstmalig besucht. Eine kleine Reise durch die Stadt, bei der die „klassischen“ Sehenswürdigkeiten nur gestreift werden, der Hauptaugenmerk aber auf den Besonderheiten liegt, ist ein ungleich schöneres Erlebnis, als auf ausgetretenen Touristenpfaden zu wandeln. Das Bier in der Kiezkneipe ist allemal uriger und lustiger, als im Pulk mit anderen Touristen abgefüllt zu werden. Und für Berlin absolut typisch ist die ausgeprägte Frühstückskultur, die man nicht verpassen sollte. Mein Favorit seit dem ersten Besuch in den 70ern: das „Schwarze Café“ in der Kantstraße (nahe des Savignyplatzes in Charlottenburg). 24 Stunden am Tag sieben Tage die Woche offen, kann man zu jeder Tages- und Nachtzeit frühstücken (oder natürlich auch etwas anderes aus der Karte wählen). Natürlich stehe ich gerne bereit, den einen oder anderen Tipp weiterzugeben. Humboldt verbindet eben... Bestes Beispiel ist Andreas Schultz, Mitherausgeber dieser Zeitschrift, der aus beruflichen Gründen öfters in Berlin weilt. Bei ihm habe ich mir auf die Fahne geschrieben, ihm einen Querschnitt durch die Berliner Gastronomie in den von mir favorisierten Berliner Bezirken zu zeigen. Bislang mit Erfolg. Es muss eben nicht immer die angeblich ‚hippe’ Mitte sein... Trotzdem warne ich lieber im Voraus: alles kenne ich auch nicht. Obwohl der Berliner – egal, ob es um Prominente, naturwissenschaftliche Formeln oder unheilbare Krankheiten geht – gerne sagt: „Kenn’ ick, weeß’ ick, ha’ ick ooch!“
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