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Dieser Artikel erschient in der Jahresschrift für ehemalige Schüler des Humboldtgymnasiums Solingen, Ausgabe 2006. Die Verrohung des Schriftverkehrs„Allerliebstes Bäsle Häsle! Ich hab dero mir so werthes schreiben richtig erhalten falten, und daraus ersehen drehen, das der H vetter retter, die fr: Baaß has, und sie wie, recht wohl auf sind hind, wir sind auch got lob und danck recht gesund hund.“
Was hier so heftig-deftig klingt, gehört zweifelsfrei zu den Kleinodien des überlieferten Briefverkehrs. Niemand Geringeres als Wolfgang Amadeus Mozart, dessen Geburtstag sich heuer zum 250. Male jährt, hat diese Zeilen – und noch viele mehr davon – an seine Cousine Maria Anna Thekla Mozart, genannt das „Häsle“, in den Jahren 1777 bis 1781 geschrieben.
Per definitionem ist der Brief eine schriftliche Mitteilung an einen oder mehrere räumlich entfernte Adressaten. Sprachlich entstanden aus dem lateinischen „breve scriptum“ (kurzes Schreiben), diente der Brief ursprünglich als offizielles oder geschäftliches Schreiben, erhielt aber bald auch eine persönliche und private Bedeutung. Als „Jahrhundert des Briefes“ schlechthin gilt das 18. Jahrhundert. Goethes Briefwechsel mit Charlotte von Stein oder mit Schiller, aber auch die Mozart’schen Briefe sind beste Beispiele dafür: Sie zeugen von einer unverkrampften und dennoch privaten und persönlichen Nutzung des Mediums.
Das Briefeschreiben war natürlich nicht nur prominenten Menschen vorbehalten. Schließlich ist die Kommunikation zwischen Menschen so alt wie die Menschheit selbst. Daher waren Briefe lange Zeit das Mittel der Wahl, um Kontakte zu pflegen – und der Familie von Thurn und Taxis (ab 1615 Reichserbgeneralpostmeister) das Einkommen zu sichern. Erst mit der Erfindung und größeren Verbreitung des Telefons bekam der Brief eine ernstzunehmende Konkurrenz.
Briefe spielen auch in der christlichen Historie eine bedeutende Rolle. Paulus hat einen Großteil seiner missionarischen Tätigkeit durch Briefe unterstützt – an die Römer, die Korinther (der berühmte „Glaube, Hoffnung, Liebe“-Brief, 1. Kor. 13,13), die Galater, die Philipper, die Kolosser, die Thessalonicher; an Timotheus, Titus und Philemon.
„Denn was man schwarz auf weiß besitzt, kann man getrost nach Hause tragen“, weiß der Volksmund, und er weiß es von Goethes Faust. In der Tat: Was schriftlich vorliegt, lässt sich schwerlich widerrufen oder ungeschehen machen. Daher empfiehlt es sich, beim Verfassen wie auch immer gearteter Schriftstücke Vorsicht und Überlegung walten zu lassen. Die Investition von Zeit und Gedanken hat aber auch Vorteile: Auf diese Weise können brilliante Formulierungen, geschliffene Sätze oder klare Meinungen entstehen, die man mit Freude liest. Und die Beschäftigung mit dem Text, den es zu schreiben gilt, sorgt in den meisten Fällen auch dafür, dass Flüchtigkeitsfehler gar nicht erst entstehen – oder noch vor dem Absenden ausgemerzt werden können. Die deutsche Sprache – so die Meinung des Verfassers – ist zu schön, um sie durch „Hudeleien“ zu zerstören. Dies passiert in der gesprochenen Sprache schon viel zu oft (und unterläuft natürlich auch dem Autor dieser Zeilen. Man ist halt vor nichts gefeit.). Die Schönheit der deutschen Sprache wusste übrigens auch Jean Paul (eigentlich: Johann Paul Friedrich Richter, Schriftsteller, 1764 - 1825) zu schätzen: „Die deutsche Sprache ist die Orgel unter den Sprachen“. Bedenkt man, dass die Orgel als „Königin der Instrumente“ gilt, wird deutlich, welches Lob in diesem Satz steckt.
Der moderne Mensch ist – was Kommunikation betrifft – nicht mehr alleine auf den klassischen Brief angewiesen. Er kann faxen (obwohl ein Telefax nichts anderes als ein Brief in einer anderen Übertragungsform ist, sehen viele Faxe heute Briefen nicht mehr sehr ähnlich), SMS schicken (deren Grammatik demnächst wohl eines eigenen Studienfaches bedarf) oder mailen. Und speziell mit letzterem, der Verbreitung der elektronischen Übertragung von Inhalten, beginnt das, was der Verfasser im Titel mit „Verrohung des Schriftverkehrs“ – sowohl qualitativ wie auch quantitativ – meint.
Seit es schriftliche Kommunikation gibt, gibt es auch den Missbrauch. Mit Reklame und Werbebriefen begann es, mit unerwünschter Telefax-Werbung ging es weiter. Heute heißt es – elektronisch – Spam. Dass man sich darüber ärgert und es nur mit einem Schulterzucken hinnimmt, weil man eh’ nichts dagegen unternehmen kann, daran hat man sich gewöhnt. Aber gelegentlich muss sich jeder, der am eMail-Verkehr teilnimmt, die Frage stellen (oder sich stellen lassen), wieviel Anteil am Spam-Aufkommen er oder sie selber hat. Nur zu oft schwirren Rundmails durch den Äther, die wahllos an Gruppen oder gar ganze eMail-Adressbücher versendet werden, die aber oft nur Unwichtiges oder angeblich Witziges enthalten. Natürlich gibt es Ausnahmen. Von Freunden aus den USA kenne ich die Gepflogenheit, regelmäßige Updates, meist zum Jahreswechsel, an den Freundeskreis zu schicken, um sie an den Ereignissen des abgelaufenen Jahres teilhaben zu lassen. Hier kann man – eMail sei Dank – sicherlich eine Menge Porto sparen. Und diese Updates können auch durchaus öfter als einmal im Jahr erstellt werden. Der Unterschied liegt allein im Empfängerkreis. Bevor allen Freunden dasselbe erzählt wird, macht man sich lieber Gedanken und verpackt das Update in eine nette und ansprechende Form, die ausschließlich an bewusst ausgewählte Empfänger geht – und eben nicht an die meist nur oberflächlichen „eMail-Kontakte“.
Und genauso viel Gedanken sollten auch in den eigentlichen Inhalt gehen. Nur zu oft wird – um die Schnelligkeit des Mediums eMail auszunutzen – ohne nochmaliges Durchlesen der „Senden“-Knopf bedient. Und so werden Mails versendet, die vor Dreckfuhlern nur so strotzen. Oder die Antworten oder Kommentierungen enthalten, die mit etwas Abstand völlig anders ausgefallen wären, in denen Emotionen Raum gegeben wird, die man mit etwas Nachdenken lieber im Zaum gehalten hätte. Oder kurz: Nachrichten, die man später leicht bereut. Aber nicht mehr zurücknehmen kann.
Kehren wir doch lieber – auch im elektronischen Zeitalter – zu den guten alten Methoden zurück und machen uns Gedanken über das, was wir schreiben. Und wie wir es schreiben. Und wem wir es schreiben. Denn: Auch eine Mail ist eine Visitenkarte. Die deutsche Sprache ist es wert.
Und wer einen Druckfehler findet, darf ihn behalten.
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